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Montag, 6. Juni 2011

Künstliche Befruchtung: Der Preis der Kinderlosen

Dass ein Mensch mit Segelohren psychisch mehr leiden soll als einer mit unerfülltem Kinderwunsch, klingt wie Hohn. Einerseits. Doch andererseits ist Kinderlosigkeit oft auch ein selbstgewähltes Schicksal. Warum es zweifelhaft ist, wenn sich der Staat an den Kosten künstlicher Befruchtung beteiligt.


Der Preis für ein Kind ist hoch. Jede Mutter und jeder Vater wissen das: Kinder kosten Freiheit, Zeit, Geld, Nerven. Speziell für Frauen kosten sie obendrein meist Rückschläge in der Karriere. Auch Menschen, die keine Kinder haben, wissen um diesen Preis - die einen nur, weil sie überlegen, ob und wann es in ihr Leben passen würde, ihn zu zahlen. Die anderen können ihn regelrecht beziffern: Bis zu 5000 Euro kostet der Versuch einer künstlichen Befruchtung.

Seit 2004 übernimmt die gesetzliche Krankenkasse nur noch die Hälfte dieser Kosten, und dies auch nur für drei Versuche. Die Reproduktionsmedizin, klagen viele, ist ein Privileg der Reichen geworden. Deshalb will Bundesfamilienministerin Kristina Schröder künftig mehr künstliche Befruchtungsversuche mit mehr Geld fördern. Zahlen sollen das die Kassen und die öffentliche Hand. Nun steht außer Zweifel, dass Bund und Länder Paaren bei der Familienplanung helfen sollten. Fraglich ist aber, ob Schröder bei dieser Hilfe die richtigen Prioritäten setzt. Fraglich ist auch, ob ungewollte Kinderlosigkeit in jedem Fall eine Krankheit ist, für die die Gesellschaft finanziell einstehen muss.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit "als Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens". In diesem Sinn ist ungewollte Kinderlosigkeit zweifelsohne eine Krankheit. Denn die 45.000 Paare, die in Deutschland jährlich mit Hilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen wollen, leiden. Sie haben oft jahrelange Therapien hinter sich, enttäuschte Hoffnungen, Totgeburten. Wie müssen sie sich fühlen angesichts der Tatsache, dass die Kasse sogar bestimmte Schönheitsoperationen zahlt oder Abtreibungen aus sozialer Indikation? Dass ein Mensch mit Segelohren psychisch mehr leiden soll als einer mit unerfülltem Kinderwunsch, klingt wie Hohn. Einerseits.

Andererseits zeigen Studien immer wieder, dass Kinderlosigkeit oft auch ein selbstgewähltes Schicksal infolge individueller Lebensplanungen ist. In den vergangenen Jahren waren regelmäßig nicht einmal ein Viertel der Frauen, die eine künstliche Befruchtung vornehmen ließen, jünger als 31 - mehr als ein Drittel war älter als 35.

Eine Forsa-Umfrage nennt als wichtigste Motive für Kinderlosigkeit das Fehlen eines Partners, die Zufriedenheit mit einem Leben ohne Kinder, aber auch finanzielle Gründe und Angst um den Job. Die Abhängigkeit des Kinderwunsches von der Vereinbarkeit mit dem Beruf hat in Deutschland einen überragenden Stellenwert.

Ist Kinderlosigkeit aber Folge der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz berufstätiger Eltern, so ist sie nur bedingt als Krankheit anzusehen. Eher ist sie Folge des hohen Preises, den Eltern in Deutschland für Kinder zahlen müssen. Mit ihrer Familien- und Frauenpolitik hat Kristina Schröder bisher nicht allzu gut erkennen lassen, wie sie diesen Preis verringern will. Das lässt ihren jüngsten Plan in zweifelhaftem Licht dastehen.

Quelle

Dienstag, 24. Mai 2011

Krankheit als Schicksal und Verantwortung?

Giovanni Maio, Freiburg im Breisgau, beschäftigte sich beim Symposium „Lebensstil und persönliche Verantwortung" am 12./13. Mai mit diesem sperrigen Thema.



Krankheit war einmal Schicksal, das man mehr oder weniger heroisch hinzunehmen hatte. Das war zu einer Zeit, als man noch mit einer prinzipiellen Unberechenbarkeit leben konnte. Heute darf Krankheit kein Schicksal mehr sein, sie muss kalkulierbar werden. Im Zeitalter der Naturwissenschaft und Technik muss alles berechenbar gemacht werden. Damit wird alles machbar, vorhersagbar oder auch vermeidbar. Gesundheit wird heute nicht als gegeben, als Datum (Schicksal) gesehen, sondern als Faktum, als gemacht und machbar. Daraus entsteht der Irrglaube, dass alles der eigenen Kontrolle unterliegt.

Allerdings ist Krankheit nicht das lineare und logische Ergebnis von Fehlverhalten, sodass man im Umkehrschluss nur dieses Fehlverhalten vermeiden braucht, um nicht krank zu werden. Krankheit hat vielfältige Wurzeln, „die nicht kausalanalytisch berechenbar gemacht werden können“. Die Ursache von
Krankheit ist nie so ganz klar. Zwar gehört das Vermeiden von gesundheitsschädigendem Verhalten zweifellos zur Pflicht nicht nur gegen die Solidargemeinschaft, die für die Folgen aufkommen muss, sondern vor allem auch gegen sich selbst. Für Miao wäre es aber ein ungeheurer Rückschritt in der Medizin, wenn das Krankwerden heute nur mehr als das Resultat der eigenen Versäumnisse gedeutet würde. Eine derartige  Deutung würde dem kranken Menschen nicht gerecht.

Krankheit ist nicht in den Griff zu bekommen

Heute besteht die Gefahr, dass wir der Illusion verfallen, mit der Technik hätten wir alle Krankheiten im Griff und könnten uns über gesundes Verhalten und Prävention in jedem Fall vor Krankheit schützen. Diejenigen, die krank werden müssten sich dann dem Vorwurf aussetzen, dass sie falsch gelebt hätten und sie daher das Leben mit Krankheit „bestraft“. In einer solchen Einstellung würde sich eine materialistische, naturwissenschaftliche“ Einstellung mit bestimmten esoterischen Ideen treffen, die ebenfalls Krankheiten in enger Weise „deuten“ und damit den Kranken gewissermaßen schuldig machen.

Eine solche Einstellung birgt für Maio die Gefahr der Entsolidarisierung der Gesellschaft. „Eine Bestrafung von Krankgewordenen, und sei dies nur in moralischer Form, würde das Ende einer humanen Medizin einläuten. Die ethische Herausforderung im Präventionszeitalter liegt in der drohenden Gefahr einer neuen Moralisierung von Krankheit.“

Eigenverantwortung darf Solidarität nicht ausschließen

Prävention und positive Anreize für Gesundheit sind sicher wünschenswert. Gesundheit wird aber auch dadurch nicht machbar. Eigenverantwortung für die Gesundheit ist durchaus positiv und notwendig, sie kann Vermeidbares verhindern, aber nicht Krankheit generell. Gesundheit ist trotzdem nicht deterministisch vorhersagbar, nicht machbar und berechenbar. Die Medizin ist, so Maio, „der verzweifelte Versuch, das zu verhindern, was letztlich nicht zu verhindern ist“. Krankheit und Tod sind aus dem Leben nicht zu eliminieren. Die Solidarität muss jedem kranken Menschen gelten, egal aus welchen Gründen er krank geworden ist, eben weil er sich in einer schwachen Position befindet und auf Hilfe angewiesen ist. Zu bedenken wäre auch, dass es einen Zusammenhang zwischen sozialer Privilegiertheit und Gesundheit gibt. Sozial Benachteiligte sind öfter krank.

Ungesunde Ernährung (Fastfood) und Fettleibigkeit kommen bei sozial Unprivilegierten häufiger vor. Wer hier mit Vorwürfen reagiert, so Maio, der muss auch den Workaholic in den Chefetagen sein Verhalten vorwerfen. Dessen Verhalten steht heute hoch im Kurs, stellt aber ebenfalls eine Gefahr für die Gesundheit dar.

Es wäre wünschenswert, zum alten Denken zurückzukehren und Krankheit wieder als gegeben, als „Schicksal“ anzuerkennen, aber den Rahmen der Eigenverantwortung zu erweitern. Krankheit zwar auch zu bekämpfen, aber mit einer anderen Grundhaltung. Eigenverantwortung ist gut, aber wir sind nicht für alles verantwortlich. Die Verantwortung darf nicht dem Individuum alleine umgehängt werden. Krankheit ist etwas, das jeden Menschen, ganz gleich, wie er gelebt hat, jederzeit treffen kann. Die Gesellschaft darf sich daher nicht entsolidarisieren, sondern muss den Kranken weiterhin jede Unterstützung angedeihen lassen. „Barmherzigkeit ist der Ursprung der Medizin.“

Symposium „Lebensstil und persönliche Verantwortung“, Wien, 12./13. Mai 2011, veranstaltet vom IMABE in Kooperation mit dem Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Ärztekammer

Dr. Robert Harsieber

Quelle:  www.suite101.de