Dienstag, 14. Juni 2011

Dignitas

                                                             (Quelle www.nme.com/)

Wenn ein Prominenter wie Sir Terry Prachett, der  geniale Schöpfer der Scheibenwelt, der sich sein (Schriftsteller-)Leben lang über den Tod lustig gemacht hat, nun via – oder sollte man besser sagen im Auftrag von - BBC  zum Verteidiger des Rechtes auf assistierten Selbstmord  ( euphemistisch „Sterbebegleitung-Freitodhilfe“ genannt) so hat das umso mehr Gewicht, als alle Prachettfans (und was seine Scheibenwelt angeht, zählt sich der Verfasser dieses posts –trotzdem noch- dazu) seit 2008 von seiner Diagnose (Morbus Alzheimer ) wissen und ihm ihr ganzes Mitgefühl dafür schenken.
Tatsächlich- kann man einem Menschen, egal ob er prominent wie Prachett oder einer der vielen unbekannten unheilbar Kranken ist, wünschen dieses schreckliche Leiden bis zum natürlichen Ende erleben zu müssen?  Ist es nicht Anmaßung von uns Gesunden, ihm dieses Recht auf einen „freigewählten, würdevollen Tod“ zu missgönnen? Wenn man sich ein wenig auf der Webpräsenz der prominentesten Institution dieser Art, der Schweizer Stiftung  Dignitas umsieht, dann ist man zunächst einmal beeindruckt von der Betonung von Würde, Humanität, Freiheit und Selbstverantwortung- eines aber springt dem aufmerksamen Beobachter ganz besonders ins Auge:
Unter den Zielen der Stiftung wird ausdrücklich  „Suizid- und Suizidversuchsprävention“ genannt. Da staunt man zunächst einmal. Allerhand. Mit allem hat man gerechnet nur nicht damit, dass sich ausgerechnet Dignitas der Suizidvermeidung verschrieben hat.
Freilich ändert dies nichts daran, dass schließlich ausdrücklich „Sterbebegleitung und Freitodhilfe“ als ausdrücklicher Auftrag der Einrichtung genannt wird. Dass  hier in Wahrheit Sophismus betrieben wird und  Leute, die ohnehin in einer extremen Notlage sind, und, wie es Prachett im Interview selber sagt mit sich selber kämpfen und ringen, durch Wortklauberei zu einer gar nicht so freiwilligen Entscheidung manipuliert werden, ist  doch  offenkundig.
Eine freie, persönliche Entscheidung ist doch in Wahrheit nur dann möglich, wenn man ohne Druck von innen oder außen in aller Klarheit das für und wider seiner Entscheidung abwägen kann. Dies ist aber spätestens ab der Stellung einer so ernsten Diagnose wie bei Prachett nicht mehr möglich. Besonders prekär wird diese Einschränkung der persönlichen Freiheit beim zunehmenden mentalen Verfall, auf jedem Fall aber durch die nachvollziehbare Angst vor diesem Verfall. Wer kann unter Angst wirklich frei entscheiden? Mit Dignitas hat das alles nur wenig , um nicht zu sagen Nichts zu tun.   
Dass BBC mit Prachett einen populären Sympathieträger für die Verbreitung einer Idee oder einer Haltung gefundenhat, liegt auf der Hand.  Dass Suizid jedoch per se, also „in sich“nicht menschenwürdig ist, scheint sogar die Stiftung Dignitas zu vertreten.  Worin andererseits der Unterschied, der von ihr promoteten Freitodhilfe besteht, wird nur verständlich, wenn man sich auf eine raffinierte Umdeutung von Begriffen einlässt.
Ein anderer Prominenter hat vor wenigen Jahren das Gegenmodell bis zum natürlichen Ende vorgelebt. Ja, er ist durch die Art, wie er in Würde diesen jahrelangen, leidvollen Verfall getragen hat mehr und mehr zum Sympathieträger geworden: Johannes Paul II konnte in Würde seinen körperlichen Verfall bis zum Ende durchhalten, weil er in größeren Horizonten gedacht hat als es die armselige Philosophie einer Stiftung  Dignitas leisten kann. Das Leben ist ein Geschenk, es ist kein Gegenstand selbstbestimmter und schon gar nicht fremdbestimmter, und sei es „nur assistierter“ Entscheidung. Würdevoll zu leben, bedeutet,  es mit all seinen Facetten und bis zum Ende zu leben. Ich wünsche Terry Prachett, dass seine Entscheidung zu Gunsten des Lebens in Würde bis zuletzt ausfällt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen